Wasser im Gesicht – warum Vermeidung keine gute Strategie ist
Wasser über den Kopf laufen lassen, Haare waschen, duschen oder mit dem Gesicht ins Wasser kommen – für manche Kinder ist das überhaupt kein Problem.
Für andere schon.
Kaum läuft beim Haarewaschen ein bisschen Wasser über die Stirn, werden die Augen fest zusammengekniffen, der Kopf wird weggedreht und das Geschrei ist groß.
Und natürlich liegt dann eine Lösung erst einmal nahe:
Dann lassen wir das Wasser eben nicht mehr ins Gesicht kommen.
Beim Baden wird besonders vorsichtig gewaschen, beim Haarewaschen das Gesicht mit einem Waschlappen geschützt und beim Schwimmen darauf geachtet, dass der Kopf möglichst trocken bleibt.
Kurzfristig funktioniert das vielleicht.
Langfristig halte ich Vermeidung aber nicht für die beste Strategie.
Denn wie soll ein Kind lernen, dass Wasser im Gesicht völlig in Ordnung sein kann, wenn es diese Erfahrung gar nicht machen darf?
Wassergewöhnung beginnt lange vor dem Schwimmenlernen
Wenn wir von Babyschwimmen sprechen, denken viele zunächst an Tauchen oder vielleicht sogar daran, dass ein Baby schwimmen lernen soll.
Darum geht es aber zunächst überhaupt nicht.
Ein wesentliches Ziel des Säuglingsschwimmens ist die Wassergewöhnung.
Das bedeutet:
Ein Baby muss im Wasser nicht möglichst schnell etwas „können“.
Es darf Wasser zunächst einmal erleben.
Wie fühlt sich Wasser auf meiner Haut an?
Was passiert, wenn ich mit meinen Händen hineinschlage?
Wie fühlt sich mein Körper in Bauch- oder Rückenlage an?
Wie ist es, wenn meine Ohren im Wasser sind?
Und eben auch:
Wie fühlt es sich an, wenn Wasser über meinen Kopf und mein Gesicht läuft?
All diese Erfahrungen gehören für mich zur Wassergewöhnung.
Warum Wasser im Gesicht dazugehören darf
Das Gesicht ist besonders sensibel. Kommt Wasser an Augen, Nase und Mund, muss ein Baby diese Reize zunächst verarbeiten.
Und genau dieser Punkt ist mir wichtig:
Wassergewöhnung bedeutet nicht, die Reaktion eines Babys zu ignorieren.
Aber sie bedeutet genauso wenig, jeden Reiz zu vermeiden, sobald ein Baby zunächst skeptisch reagiert. Ein Baby darf Zeit bekommen, eine neue Erfahrung kennenzulernen.
Nichts erzwingen – aber immer wieder anbieten
Das ist für mich der entscheidende Unterschied.
Wenn dein Baby heute deutlich signalisiert: „Nein, das möchte ich gerade nicht.“ dann darfst du dieses Signal respektieren. Vielleicht ist es müde, vielleicht hungrig, vielleicht ist heute einfach nicht der richtige Moment.
Deshalb:
Heute nicht? Dann vielleicht morgen.
Was ich dagegen nicht empfehlen würde, ist aus einem anfänglichen Unbehagen eine dauerhafte Vermeidungsstrategie zu machen.
Denn dann fehlt dem Kind die Möglichkeit, neue und zunehmend neutrale und bestenfalls positive Erfahrungen mit Wasser im Gesicht zu sammeln.
Das Problem kann dadurch bestehen bleiben: Haarewaschen oder Duschen können mit zunehmendem Alter immer schwieriger werden. Und wenn ein Kind große Unsicherheit gegenüber Wasser im Gesicht entwickelt, kann das natürlich auch beim späteren Schwimmenlernen hinderlich sein.
Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig: Nicht jedes Kind, bei dem Wasser im Gesicht vermieden wird, entwickelt deshalb automatisch eine Wasserangst. Aber dauerhafte Vermeidung bietet eben auch keine Gelegenheit, Sicherheit durch positive Erfahrungen aufzubauen.
Mein Grundsatz lautet deshalb:
Nichts erzwingen – aber auch nicht dauerhaft vermeiden.
Was die Wassergussmethode damit zu tun hat
Auch beim Babyschwimmen bedeutet Wassergewöhnung nicht, dass ein Baby einfach unangekündigt untergetaucht wird.
Wir nutzen zur Gewöhnung des Wassers im Gesicht die sogenannte Wassergussmethode nach Lilli Ahrendt (Deutsche Sporthochschule Köln).
Das Kind wird zunächst aufmerksam gemacht und der Wasserguss schrittweise vorbereitet. Der Wasserstrahl wird zunächst in erreichbarer Nähe des Kindes angeboten. Anschließend wird Wasser unter aufmerksamer Beobachtung des Kindes von Arm und Schulter zum Hinterkopf, über den Scheitel und schließlich über das Gesicht geführt. Dabei wird genau beobachtet, wie das Baby reagiert.
Eine positive Reaktion zeigt sich beispielsweise darin, dass sich das Kind wieder orientiert, zum Spiel übergeht und keine körperliche Anspannung zeigt. Negative Reaktionen können sich dagegen unter anderem durch stärkere Muskelanspannung, Unruhe oder eine abweisende Gesichtsmimik zeigen.
Das finde ich einen wichtigen Gedanken: Die Reaktion des Kindes entscheidet darüber, wie es weitergeht.
Was könnt ihr zu Hause ausprobieren?
Für Wassererfahrung braucht ihr kein Schwimmbad. Viele dieser Erfahrungen können bereits beim Baden entstehen. Nimm zum Beispiel einen kleinen Becher und lass zunächst vorsichtig etwas Wasser über die Schultern deines Babys laufen. Dann vielleicht über den Bauch, über den Rücken, den Hinterkopf.
Beobachte dein Baby dabei: Wie reagiert es?
Ist es neugierig? Bleibt es entspannt? Möchte es vielleicht selbst nach dem Becher greifen?
Wenn dein Baby sich wohlfühlt, darf das Wasser irgendwann auch über Stirn und Gesicht laufen. Dabei muss es überhaupt nicht gleich ein ganzer Becher sein.
Ein bisschen Wasser, eine Pause, wieder ein bisschen Wasser. Vielleicht beim nächsten Baden etwas mehr. Und natürlich darf dein Baby auch selbst planschen und sich dabei Wasser ins Gesicht spritzen. Du musst nicht jedes Spritzen verhindern. Denn auch das ist Lernen.
Und wenn mein Baby protestiert?
Dann beobachte zunächst. Ein kurzes erschrockenes Gesicht bedeutet nicht automatisch, dass dein Baby grundsätzlich kein Wasser im Gesicht verträgt.
Genauso solltest du aber deutliche Zeichen von Unwohlsein nicht ignorieren.
Wenn dein Baby dir zeigt:
„Für heute reicht es.“ dann darf es für heute reichen. Und beim nächsten Baden bietet ihr die Erfahrung wieder an.
Das Ziel ist nicht: „Mein Baby muss das jetzt aushalten.“
Das Ziel ist: „Mein Baby darf lernen, damit umzugehen.“
Babyschwimmen ist für mich kein Training, bei dem am Ende möglichst viele Fähigkeiten abgehakt werden müssen.
Ein Baby muss nicht möglichst früh tauchen.
Es muss nicht möglichst schnell schwimmen.
Und es muss auch nicht jede Wassererfahrung beim ersten Mal toll finden.
Es braucht Gelegenheit, Wasser kennenzulernen.
Immer wieder, in unterschiedlichen Situationen. Mit einem Erwachsenen an seiner Seite, der Sicherheit vermittelt und gleichzeitig Raum zum Entdecken lässt.
Nicht erzwingen – nicht dauerhaft vermeiden – Beobachten – Anbieten – Zeit geben.
So kann aus etwas zunächst Ungewohntem Schritt für Schritt etwas ganz Selbstverständliches werden:
Wasser gehört dazu.
Mein Gesicht darf nass werden.
Ich kann damit umgehen.
Und genau dieses Vertrauen ist eine wunderbare Grundlage für alle weiteren Erfahrungen im Wasser – und irgendwann auch für das Schwimmenlernen.


